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Mörderballaden von Beyer,  Martin

Mörderballaden

Was von diesem Wunder geblieben ist

Jedes Jahr grabe ich einen Knochen aus. Hinter der großen Linde, unter den feuchten Blättern, wo ihre Überreste liegen. Nur ein paar Meter vom Flussufer entfernt. Es hat angefangen zu schneien, der Boden ist nicht gefroren. Vier, fünf Spatenstiche, und ich bin ihr so nahe, wie man ihr noch kommen kann. Nachsehen, was von diesem Wunder geblieben ist, von dir und von mir. Die Welt in meinen Augen fällt in einen Sekundenschlaf. Nichts bewegt sich für einen Augenblick, bis ich den Spaten mit Kraft in die Erde stoße, mit dem Fuß nachdrücke und ein Häufchen Erde lockere. Das Einzige, das ich fühle, sind Erinnerungen, sie jucken wie eine frische Tätowierung. Tinte auf der Nadel, ich steche sie mir unter die Haut und fülle damit die leeren Zellen aus. Bis sich vielleicht ein Muster ergibt, das ich wiedererkenne.
Der nächste Spatenstich, das Erdreich ist gelockert, gibt nach. Die Erinnerung gibt nach, schickt ein erstes Bild, wir beide, an jenem Abend: in der Kneipe am Stadtrand, unter all diesen Soldaten, Studenten und Freaks. Eine Flasche Wein auf dem Tisch, Tabak und Filterpapier.
»Worauf stoßen wir an?«, fragte sie.
»Auf nichts«, sagte ich.
Das war unser Begrüßungsritual. Plötzlich spricht man, wie Verliebte sprechen. Wir lachten und lachten und lachten, ein betrunkener Soldat neben uns warf sein leeres Glas auf den Boden, und es blieb ganz.
»Vielleicht gehe ich nach Paris«, sagte sie, »vielleicht nach Rom. Ich werde mir ein Klavier mieten und spielen. Und ich habe ganz viele Blumen in meinem Zimmer.« Auch das war ein Ritual, und mich durchzog wie immer ein Gefühl der Angst, ob sie es nicht eines Tages wahr machen würde. Die Städte wechselten in ihren Träumen. Die Musikinstrumente auch. Aber die Sehnsucht blieb, und ich kam in dieser Sehnsucht nicht vor.
Ich wusste nicht viel von ihr, nur so viel, um zu glauben, dass sie noch etwas länger hier hängen bleiben würde, wie sie es ausdrückte. »Schau dich um«, sagte sie, »das ist wirklich nicht meine Welt, weißt du?«
Ich versuchte dann, vom Thema abzulenken, über meine Forschung zu sprechen, meine sogenannte Arbeit. »Jetzt kommt der Physikus«, so hatte sie mich vor unserer gemeinsamen Zeit immer begrüßt, als ich mit den Kumpels in die Kneipe gekommen war. Und immer klang es so, als würde sie es ohne Spott sagen. Ich wusste, dass ich sie mit dem akademischen Geschwafel langweilte, doch ich wollte sie von ihrer Sehnsucht ablenken. Dass ich damit das Gegenteil erreichen würde, war keine Konstante in meinen Gleichungen.
An jenem Abend wurden wir in unserem Liebesritual unterbrochen. Der heilige Antonius, ein graubärtiger, verhuschter Spinner, ein Stammgast, kam zu 41 uns an den Tisch. Viele empfanden das hier als eine Auszeichnung, ich war nur genervt von dem Geschwätz des Alten. Antonius schien das zu spüren, denn er beachtete mich zuerst gar nicht, war nur auf sie fixiert.
»Du hast heute frei, little girl blue?« Er malte mit seiner Hand ein Fragezeichen in die Luft.
»Ja, und?«
»Warum bist du dann trotzdem hier? Du kannst nicht einen Tag ohne uns auskommen, stimmt’s?«
Sie gab ihm keine Antwort, zuckte mit dem Kopf in meine Richtung, als würde das alles erklären. Der Alte grinste und schloss mich endlich in sein Blickfeld ein. Dann fing er an zu singen.

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