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Erster Weltkrieg – Heimatfront Greifswald Teil 1 von Kuna,  Edwin, Kuna,  Hannelore

Erster Weltkrieg – Heimatfront Greifswald Teil 1

Prolog

Mit dem Ersten Weltkrieg 1914 endete für die Deutschen nach 43 Jahren der europäische Frieden. Waren die Menschen auf diesen großen Krieg vorbereitet? Ganz bestimmt nicht.
In Greifswald erwiesen sich weite Bevölkerungskreise zeitgemäß als kaisertreu. Die Militärvereine, wie der Marineverein unter Vorsitz von Steuersekretär Stolp und der Wehrverein, der Kriegerverein; die Ortsgruppen vom Alldeutschen Verband und vom Deutschen Ostmarkenverein oder auch die Turnvereine; die überwiegende Zahl der Studenten und ein Großteil der Stadtbürgerschaft, standen hinter den Rüstungsaktivitäten von Heer und Staat. Allen voran der Kriegerverein, der schon 1905 500 Mitglieder vereinnahmte.

Auf dem vom Wetter her stürmischen Jahresbeginn 1914 folgte die Julikrise, angefangen mit dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni durch serbische Extremisten und den folgenden politischen Verkettungen in den entscheidenden Stunden vom 31. Juli und 1. August. Und als sich in wenigen Stunden die politischen Ereignisse überschlugen, versagten Politik und Diplomatie. Waren die Menschen tatsächlich „plötzlich“ vor vollendeten Tatsachen gestellt worden?
Krieg? Bis zur letzten Entscheidung, ja bis zur verstrichenen Frist, fanden sich aufgewühlte Menschenmassen aus verschiedensten sozialen Schichten auf freien Plätzen zusammen, auch hier in den pommerschen Städten gab es Volksversammlungen der Sozialdemokraten gegen den Krieg. Aber die Erwartung der Arbeiterschaft auf eine geschlossene, internationale, solidarische Haltung gegen den Waffengang, wie auf zahlreichen Friedenskongressen vor 1914 beschworen, wurde weitgehend enttäuscht.
Diese Tage und Stunden vor dem Kriegsausbruch verliefen für die Menschen in Greifswald dramatisch.
In Berlin rief am 31. Juli Kaiser Wilhelm II. den „drohenden Kriegszustand“ aus und am Nachmittag traf die Nachricht in der Boddenstadt ein.
Am Ende hatte der Monarch in Berlin die Entscheidung für 65 Millionen Deutsche getroffen, sodass am nächsten Tag das Kaiserreich militärisch mobil machte und in den Krieg eintrat. Dafür wurde des Kaisers Mobilmachungs-Befehl am 1. August in ganz Deutschland ausgerufen.
Die Deutschen glaubten ihrem „Friedenskaiser“, an die Unschuld Deutschlands am Kriegsausbruch und an den ihnen aufgezwungenen Kampf.
Nun war der Krieg da. Am 2. August überschritt das deutsche Heer mit der 16. Division das Völkerrecht verletzend die Grenze Luxemburgs und marschierte am 4. August in Belgien ein. Zuvor begann im Osten, in Ost- und Westpreußen, der Krieg auf deutschem Boden. An der westpreußisch-russischen Grenze in Alexandrowo fielen bereits am 3. August 60 deutsche Soldaten und 1 Offizier. In Ostpreußen stand das kaiserliche Jagdschloss Rominten in Flammen.
Bereits am 17. August 1914 signalisierte das Kriegsministerium in einem geheimen Dokument, dass die Artilleriekämpfe einen sehr hohen Munitionsverbrauch erkennen lassen.
Seit Kriegsausbruch wurde in der Heimat alles anders, nach dem 2. August 1914 kam die geistige Mobilmachung hinzu. Jetzt zählte nicht nur das Kaiserwort, sondern auch das Gotteswort, wie es beispielsweise der Greifswalder Theologe Professor D. Karl Dunkmann (1868-1932) und Universitätsprediger am 23. August 1914 in St. Nikolai predigte:

Nicht Menschen haben diesen Krieg heraufgeführt, und doch sind es Menschen gewesen, die die Verantwortung tragen. Gott aber hat ihn gewollt, Gott hat ihn gemacht.

Die Greifswalder evangelischen Theologieprofessoren und Pfarrer sakralisierten den Krieg und stellten sich an die Spitze der vielen, den Krieg bejahenden Bildungsbürger und unterstützen die deutsche Kriegspropaganda. „Mit Gott, Kaiser und Vaterland“ schallte es aus den Kirchen. In der pastoralen Rhetorik stand Gott fest und ganz auf der Seite der gerechten deutschen Sache. Volk und Religion waren endlich eins geworden, Volk und Thron unter dem Altar versammelt. Karl Dunkmann gab 1916 den Feldgrauen Deutschlands einen Katechismus mit auf den Weg:

Hörst du die Kanonen? Die Schlachtmusik hebt wieder an. Der Kaiser ruft, das Vaterland ruft, die Heimat ruft, das Weib und die Kinder rufen, mein Gott ruft! Die große Liebe ruft! Oh, wie ist das Glück so groß, sterben zu dürfen für diese große Liebe, um einmal aufzuerstehen und ewig zu leben in der Liebe, die ewig ist und ewig bleibt.

Wie überall in Deutschland strömten in Greifswald die Christen zu den Gottesdiensten und Kriegsgebetsstunden und erwarteten Antworten und Trost zugleich. Am Heiligen Abendmahl nahmen die ausziehenden Krieger teil. Die Kirchenleitungen indizierten dies als gewachsene Kirchlichkeit ihrer Mitglieder.
Nach der Euphorie ließ der Kirchenbesuch nach, viele Plätze blieben unbesetzt. Anfang 1917 musste die Synode der Stadtkirchen Greifswalds:

ein „Nachlassen der ursprünglichen Spannung“ feststellen, „eine gewisse geistige und geistliche Müdigkeit“ einräumen, so „dass die Ernsten ernster geworden sind und die Oberflächlichen oberflächlicher.“ … „Die Widerstandskraft gegen die Prüfungen der schweren Zeit scheint langsam zu erschlaffen, das sittliche Urteil abzustumpfen“.

Der letzte große Krieg von 1870/71 gegen Frankreich verlief über 11 Monate. Genau 1563 Tage sollte der Erste Weltkrieg, dauern, was anfangs von den Zeitgenossen niemand weder ahnte noch glaubte. Das waren vier und ein viertel Jahr, angefangen von der Mobilmachung, im kraftstrotzenden Wilhelminischen Kaiserreich, bis zur Unterzeichnung des Waffenstillstandes am 11. November 1918, da war Deutschland nicht nur am Ende seiner militärischen Kräfte gelangt.
Eine überschaubare Zeit im Angesicht eines Menschenlebens, im Nachhinein, doch für alle Beteiligten, die den mörderischen Krieg miterlebten, unendlich lang – auch für die noch jüngere Generation, für die Kinder.
Greifswald war Garnisonsstadt seit Ende des 19. Jahrhunderts. Das preußische Militär, die neugotische Kaserne oder der Exerzierplatz gehörten zum gewohnten Stadtbild. Das stationierte 3. Bataillon des Infanterieregiments Prinz Moritz Anhalt von Dessau (5. Pommersches) Nr. 42 rückte am 7. August 1914 in den Krieg aus. Ziel: die Westfront.
Bataillons-Kommandeur Major v. Knobelsdorff berichtete, Mitte September 1914, erstmals von schweren Verlusten:

Sollte es mir nach glücklichem Frieden vergönnt sein, mit dem Bataillon wieder heimzukehren, so werden viele in den Reihen fehlen, die einst auszogen. III./42 war oft in vorderster Linie und hat seine Schuldigkeit getan. Viele starben den Heldentod. Unser lieben Garnisonsstadt meinen Gruß.

11. September 1914: Oberst Leu schreibt an den Magistrat zu Stargard: „Große Opfer! Vorgestern allein 200 Offiziere und Mannschaften verloren. Aber die Pommern! Hut ab vor Ihnen! Stimmung des Regiments herrlich. Einen Gruß der lieben Heimatstadt Stargard. Regimentskommandeur Oberst Leu, 9. Grenadierregiment.

Am 2. Februar 1919 kehrten „unsere 42ger“, wie sie von den Greifswaldern mit Stolz genannt wurden, dezimiert von der Westfront zurück. Durch Verluste an Toten, schwer Verwundeten, Kriegsgefangenen und Vermissten, war das Regiment bis zum Kriegsende auf 25.305 Soldaten und Offiziere nachgerüstet worden. Die Verluste betrugen insgesamt 2.856 an Toten, 3.193 Vermisste, 8562 Verwundete (einschließlich vom Mehrfachverwundungen).
Das Greifswalder Bataillon stand bei der Obersten Heeresleitung nach dem Ausmarsch 1914 nicht mehr auf der Liste zur Ersatzbeschaffung. Damit erhielt die Stadt keine Einquartierungen mehr, was Bürgermeister Dr. Gerling aus wirtschaftlichen Gründen bedauerte. Dennoch kamen (unerwartet), und wenn auch sporadisch, wieder Soldaten in die Stadt.
September 1914 lag aufgrund der kriegerischen Ereignisse in Ostpreußen eine Abteilung des „Grenadier-Regiment „König Friedrich der Große“ (3. Ostpreußisches) Nr. 4 für einige Tage in Quartier. Mit der militärischen Einheit zogen etwa 50 Greifswalder Freiwillige, noch in Zivilkleidung, an die Ostfront.
Ab Januar 1915 wurde vom Landsturm-Infanterieregiment Nr. 49 ein Rekrutendepot nach Greifswald verlegt, daraus ein Ersatz-Bataillon der 49ger neu aufgestellt und an die Ostfront geschickt. Sehr willkommen war die Militärkapelle der 49ger, die an Sonn- und Feiertagen zur Unterhaltung aufspielte. September 1917 löste das Kriegsministerium die Musikabteilung auf, eine Intervention des Magistrats blieb ohne Erfolg. Frühjahr 1918 konnte jedoch eine 36 Mann starke Kapelle der wieder aufspielen.
Das 49ger Bataillon kehrte Januar 1919 nach über 500 km Fußmarsch aus der Ukraine an den Standort zurück. Bis zum Kriegsende verblieb ein Garnisonskommando mit etwa 350 Soldaten in Greifswald.

Was die Menschen in Greifswald vom Kriegsverlauf erfuhren, kam aus den Zeitungen, war von „oben“ durch die OHL (Oberste Heeresleitung) über Agenturen durchgestellt: Siege, Siege usw. und alle anderen Informationen unterlagen der rasch eingeführten Zensur und viele Berichte der Kriegspropaganda. Die Feldpost kam Ende August 1914 in Gang und die persönlichen Briefe und Karten der Soldaten nach Hause, kontrollierten ihre unmittelbaren militärischen Vorgesetzten auf Verschwiegenheit, Siegesgewissheit und Tapferkeit hin. Bald war auch das Tagebuchschreiben der Soldaten nicht mehr erwünscht.
Nachrichten vom schweren Schicksal der Soldaten trafen dennoch durch die amtlich, publizierten Verlustlisten ein. Veröffentlicht wurden vermisste, verwundete, gefallene oder in Gefangenschaft geratene Soldaten mit Namen, Einheit, Geburtsdatum und Geburtsort. Seit Mitte August 1914, also gleich mit Kriegsbeginn, gab es daraus in den beiden Greifswalder Tageszeitungen auszugsweise Veröffentlichungen. Ein dickes Buch der Leiden wurde geschrieben und kein Ende war abzusehen. Verwundet, vermisst, kriegsgefangen oder gefallen, jeden Tag erschienen neue Namen und Schicksale, nur sollte es kein Greifswalder sein. Aus den Angaben der Verletzungen: leicht, schwer, mit Kopf- oder Bauchschuss, ließ sich die Grausamkeit des Krieges erahnen, doch konnten die Angehörigen noch auf die Genesung der Betroffenen in den Lazaretten hoffen. Vermisst hingegen ließ nur noch den Glauben auf Kriegsgefangenschaft zu. Bis April 1917 meldeten 3.295 betroffene pommersche Frauen oder Eltern Vermisste bei der „Zentralen Forschungsstelle für vermisste Kriegsteilnehmer“ in Stettin an, die unter Leitung des Verbandes der Vaterländischen Frauenvereine arbeitete.
Die deutschen Verlustlisten endete mit der Nummer 2417, Ausgabe vom 20. Mai 1919, Nachträge folgten bis 1933.

Geradezu als Pedant erschienen die Namen der Helden in der Zeitung, die mit dem Eisernen Kreuz Erster und Zweiter Klasse ausgezeichneten Soldaten und Offiziere. Am 15. September 1914 erhielten die 42ger die ersten Eisernen. Im Mai 1917 erlangten beispielsweise Leutnant Gerhard Hannesen und die Musketiere Wirth, Rever und Schramm vom Greifswalder Bataillon (aus der 11. Kompanie) die militärische Ehrung. Neben den Dekorierten stellte die Presse die Kriegshelden vor, würdigte ihre Taten oder veröffentlichte ehrende Nachrufe. So auch über den in Greifswald geborenen jungen Fliegerhelden Kurt Wolff, der nach 33 Flugsiegen bei einer Fronterprobung des neuen Fokker F. I. 102/17 am 15. September 1917 im Alter von 22 Jahren im Luftkampf starb.
Im Oktober 1914 feierte die Stadt mit General von Beseler einen „großen Kriegshelden“, einen gebürtigen Greifswalder, der am 10. Oktober mit seiner Armeegruppe die belgische Festung Antwerpen eroberte. Und folglich ernannte ihn die „jubelnde Kriegsgesellschaft“ am Bodden ein Jahr später zum Ehrenbürger und 1917 erhielt sein Geburtshaus eine Ehrentafel.
Im April 1915 erschien die 200. amtliche preußische Verlustliste der deutschen Armee. Da waren 8 Monate Krieg vergangen. Greifswald beklagte 156 Tote und der Landkreis Greifswald zählte 241 Gefallene. Schwer betroffen war der über Deutschland verteilte Greifswalder Familienverband derer von Nathusius. Aus der Familie des 1906 verstorbenen Greifswalder Theologieprofessors Dr. Martin Nathusius fielen 1916 die einzigen beiden Söhne Siegfried und Christian Albrecht. Der Greifswalder Landwirt Johann von Nathusisus musste bis Anfang Februar 1917 alle seine vier Söhne im Krieg lassen.
Bis zum Ende des „Großen Krieges“ stieg die Zahl der gefallenen Soldaten aus der Stadt auf über 600 an.
Die meisten verstorbenen Kriegsteilnehmer blieben für immer in fremder Erde zurück, sie fanden das schlichte Soldatengrab, den Hügel, oder ein Massengrab, in Belgien, Frankreich, Russland oder Galizien oder auf einem fremden Kontinent. Rings um Deutschland tat sich ein Wall von Gräbern auf. Marinesoldaten behielt das Meer. Viele Angehörigen zuhause besaßen kaum Möglichkeiten sie heimzuholen.

Werner Michaelsen (Reiter bei den Schutztruppen für Deutsch-Südwestafrika Nr. 23) starb in englischer Gefangenschaft am 24. Februar 1917 in Südafrika nach Verwundung (15. Mai 1915) und Lazarettaufenthalt im Hospital Windhuk. Nach den Söhnen Friedrich Karl und Rudolf betrauerte die Familie den dritten Kriegstoten.

Auch in Greifswald ruhen Soldaten des Ersten Weltkriegs. Auf dem Neuen Friedhof liegt ein Gräberfeld mit 178 deutschen und 23 russischen Kriegsopfern. Soldaten und Offiziere aus vielen Orten Deutschlands, aus Österreich und Russland, starben in Greifswalder Lazaretten an ihren Verwundungen und Erkrankungen.

Die Soldatengräber sind die
großen Prediger des Friedens,
und ihre Bedeutung als solche
wird immer mehr zunehmen
Albert Schweitzer – Friedensnobelpreisträger.

Welche Auswirkungen brachte der Krieg im Inland, an der Heimatfront, und was ist in die Geschichte eingegangen? Kein feindlicher, bewaffneter Soldat betrat pommerschen Boden, keine Bomben fielen auf pommersche Städte. Pommern blieb von direkten militärischen Kriegshandlungen verschont. Und doch hatte der Erste Weltkrieg tiefe Narben und großes Entsetzen bei den Menschen hinterlassen.
Kaum eine Familie blieb verschont von den Kriegsauswirkungen. Kaum eine Familie, die nicht einen persönlichen Verlust erlitten hatte, gleich ob an der Front oder im Hinterland. Überall breitete sich der Hunger und Elend aus, die Menschen wurden ideologisch manipuliert alles, selbst auch das letzte Stückchen Brot für die Front zu geben.
Über Generationen hinweg wurden bruchstückhafte Leidens- und Mutgeschichten an die Enkel weitererzählt, viele Ereignisse aber blieben unerwähnt.
Denn was geschah mit Kriegsausbruch zu Hause? Die militärische Mobilmachung und der Aufmarsch von 8 Armeen an die West- und Ostfront vollzogen sich „fahrplanmäßig“ und fast wie ein Uhrwerk mit Hilfe der Eisenbahn. Bereits nach vier Monaten Krieg kämpften etwa 1700 Männer aus der Stadt Greifswald an den westlichen und östlichen Kriegsfronten. März 1915 verzeichnete die Kommune den Abgang von 3620 Steuerzahlern, hauptsächlich durch die Einberufungen verursacht.
Die meisten Wehrpflichtigen aus dem Beurlaubtenstand (Landwehr und Landsturm) mussten sich den Bezirkskommandos in Anklam, Stettin, Stralsund oder Swinemünde stellen, die sie zu den speziellen Militäreinheiten überwiesen.
In der Zivilgesellschaft lief es nicht so automatisiert ab, denn nach anfänglichen Hurra-Rufen und großer Kriegseuphorie zog bittere Ernüchterung ein, der immer wieder Durchhalteparolen folgten.
Anfänglich liefen die Greifswalder Männer aus Angst um ihr Geld auf die Sparkasse, bei den Frauen setzten Panikeinkäufe an Lebensmitteln ein, Jung und Alt glaubten recht abenteuerlich von ausländischen Feinden und Saboteuren umgeben zu sein und die Stadt stellte eine einheimische Bürgerwehr auf. Es dauerte einige Wochen, bis die städtischen Organe: Polizeiamt und Verwaltung wieder Ruhe und geregelte Ordnung in die ängstlichen Menschen brachte.
Handwerk und Industrie gerieten bald in wirtschaftlicher Not. Karl Zorn, Obermeister der Schuster-Innung und seit 1914 Stadtverordneter, berichtete dem Magistrat über die Schließung von sechs Schusterwerkstätten, weil die Handwerksmeister in den Krieg zogen. Mitte 1917 standen etwa 60-70 Prozent der Meister aller Gewerke an der Front. In einigen Gewerken übernahmen die Ehefrauen die Meisterstelle und hielten den Betrieb am Leben. Einzelne Werkstätten waren nicht mehr in der Lage die Mitgliedsbeiträge zur Handwerkskammer zu entrichten.
Massenweise zogen die Männer ins Feld und die Frauen blieben auf sich selbst gestellt zurück. Der Krieg veränderte auf den Schlag die Geschlechterrolle vieler Frauen in den Familien, in den sozialen Klassen und im gesamten gesellschaftlichen Gefüge.
Die Frauen mussten sich wirtschaftlich und sozial neu orientieren und gewissermaßen über sich hinauswachsen. In der Kriegszeit übernahmen der Staat (das Reich) und die örtlichen Kommunen die finanzielle (Grund)Absicherung der Soldatenfamilien. Die jeder bedürftigen Kriegerfrau und Familie zustehende reichsgesetzliche Unterstützung wurde wiederholt aufgestockt durch Gemeindezugaben.
Der Greifswalder Magistrat und das Bürgerschaftliche Kollegium, das Rote Kreuz und vor allem die im Vaterländischen Frauenverein oder im Evangelischen Frauenverein organisierten Frauen, riefen die Kriegswohlfahrt ins Leben. Die Frauen sammelten bei den Bürgern Geld für in Not geratene Mitgenossinnen und Familien, sie schufen mit dem Arbeitsnachweis, der Nähstube usw. zeitgemäße Möglichkeiten zur Erwerbstätigkeit, sie engagierten sich in der Säuglings- und Krankenpflege. Für die berufstätigen Mütter schufen die Frauenvereine Kindertagesstätten. Noch Januar 1918 eröffneten die evangelischen Frauenvereine der drei Kirchgemeinden einen Kinderhort, den bereits am Eröffnungstag 130 Kinder nutzten.
Der Krieg verschonte auch nicht die Kinder und Jugendlichen, von denen viele ohne Väter aufwuchsen. Betroffen waren alle Altersgruppen: Kleinstkinder, Kinder und Jugendliche.
Einseitige und mangelnde Ernährung, insbesondere durch wenig Milchzufuhr, gefährdete die Gesundheit der Kinder unter 6 Jahren und führte 1916 erstmals zu einer Übersterblichkeit in dieser Altersgruppe. Während 1914 38 Kinder in Greifswald starben, erhöhte sich 1915 die Zahl auf 53 und 1916 auf 101 Sterbefälle.
In der Schule sank das Niveau des Unterrichts 1914-18 stark herab. In den Volksschulen nahm der Krieg durch den Militärdienst den Schülern auf Jahre hinaus ihre Lehrer, Schüler mussten auf andere Klassen verteilt werden, die Zahl der wöchentlichen Unterrichtsstunden sank. Kinder besuchten den Unterricht mit gestopften Hosen und Röcken, liefen in Holzpantinen und als es ab 1917 praktische keine Schuhe mehr zu kaufen gab, liefen auch Stadtkinder im Sommer barfuß.
Am Greifswalder Gymnasium und in der Realschule konnte das Bildungsniveau durch die Einstellung von drei Lehrerinnen halbwegs gehalten werden. Im neu eingerichteten Unterrichtsfach „Kriegsgeschehen“ erhielten die Pennäler „zeitnahe“ Bildung, im Fach Deutsch variierten die Aufsatzthemen zwischen Kaisertreue und Gottesfurcht, Kriegsunschuld, deutsches Heldentum und Opferbereitschaft und in Geografie lernten sie die Kriegsgebiete der Welt kennen.

Zwei während des Krieges ergangene Erlasse des preußischen Kultusministers über den Geschichtsunterricht in den höheren Knaben- und Mädchenschulen weisen da den Weg: die deutsche Geschichte tritt in den Vordergrund, wird weitergeführt bis zur Gegenwart und den Heldentaten des Weltkriegs.

So wurden die Schüler mit „Kriegspädagogik“ auf den Kampf vorbereitet.
Im gesamten Kaiserreich besuchten bei Ausbruch des Krieges 22.600 Primaner und 15.600 Obersekundaner im Alter von über 17 Jahren die höheren Schulen. Von diesen meldeten sich 20.000 als Kriegsfreiwillige. Das Greifswalder Gymnasium und die Realschule zählten zusammen zum Wintersemester 1917/18 484 Schüler in Klassenstärken von 19 bis 43 Schülern. Halbjährlich zum 1. Juni und zum 1. Dezember absolvierten Greifswalder Oberprimaner das Notabitur, verkürzten die Schulzeit um 1 Jahr, um danach mit Erlaubnis vom Vater freiwillig in den Krieg zu ziehen. Diesen Weg beschritten nach der Abschlussprüfung an der Realschule März 1915 beispielsweise Paul Heide aus Greifswald und Kurt Rampe aus Sassnitz.
Vereinzelt zogen auch Schüler unter 17 Jahren zur Front; Jungen, die noch nicht das militärdienstpflichtige Alter erreicht hatten und in der Etappe ohne Waffe eingesetzt wurden.

Auf unseren Schulen gibt es endlich noch eine dritte Menschenklasse, Jungen, die zwar noch nicht würdig befunden wurden, des Königs Rock zu tragen, aber denen es doch gelang, selbst auf den Schlachtfeldern und hinter der Front unseren kämpfenden Kriegern und besonders den Verwundeten hilfreiche Dienste zu leisten.

Emsig zeigten sich die Schüler in ihrer Freizeit und in den Ferien bei der Erntehilfe, beim Sammeln von Goldgeld, Altkleidern, Papier, Brombeerblättern, Laubheu aus dem Wald, Blaubeeren, Bucheckern oder von Nesseln. Für die Versorgung der Industrie mit natürlichen Rohstoffen schienen Kinder unentbehrlich zu sein. Im Sommer und Herbst 1918 brachten kleine, fleißige Hände des Kreises Greifswald für die Textilindustrie 3.330 kg getrocknete Nesselstängel (davon Knaben-Volksschule 275 kg sowie Gymnasium und Realschule Greifswald 55 kg), über 5 kg getrocknete Samen und etwa 150 kg getrocknete Nesselblätter zusammen.
Auch auf das Geld der jüngsten Deutschen war der Krieg angewiesen. Zum Anlegen von Kriegsanleihen in kleinen Beträgen leerten Schüler das Sparschwein. Eine kleine Entschädigung konnten sie jedoch auch genießen. In den kalten Wintern verlängerten sich die Weihnachtsferien wegen Kohlenmangel nach Neujahr bis Mitte Januar, letztmalig Januar 1919. Und nach Siegen des deutschen Heers an der Front hatten sie schulfrei.
Die 16-18-jährigen Burschen, wurden von der patriotischen Kriegsgesellschaft körperlich wie geistig in Jugendwehren als „Nachwuchs und Reserve“ für den Kampf manipuliert, geworben und mobilisiert. Die ersten Jahrgänge der Jugendwehren zogen bald gerüstet in den Krieg und nicht wenige kehrten nicht mehr heim.
Trotzdem hängte die Kriegsgesellschaft der älteren Jugend den Makel der Zügellosigkeit an. Jugendliche wurden von allen Seiten übermaßen moralisiert. Unangemessenes Verhalten (Rauchen, Alkohol, an der Ecke stehen, ins Kino gehen usw.) tadelte man schnell und Kriegsgerichte beschäftigten sich mit ihnen und bestrafte sie.

Rowdytum der Primaner der Oberrealschule (weiße Mütze) und Schüler des Gymnasiums (dunkle Mütze). Halten sich bei der Turnhalle auf und schauen den Mädchen beim Tanzunterricht zu. Verhalten sich ungebührlich, laut, lächerlich, rempeln. Fehlendes sittliches Bewusstsein …

Die in den Krieg gezogenen Männer fehlten in jeder Hinsicht als Arbeitskraft und besonders in der Landwirtschaft des Landkreises. Wenn der Bauer als Haus- und Hofherr in den Krieg musste, lag die Arbeitslast hauptsächlich bei der zurückgebliebenen Ehefrau und auch die Kinder mussten Übermaßen helfen bei der Ackerbestellung und Erntezeit. Nicht selten wechselte der Großvater wieder vom Altenteil in das reguläre Arbeitsleben.
Auf den größeren landwirtschaftlichen Gütern und Bauernhöfen des Kreises mangelte es ebenso an den unentbehrlichen Arbeitsmitteln: Pferde, Geschirre und Wagen, sie waren zu jeder Zeit notwendig, um schwere körperliche Arbeiten zu bewältigen. Während des Krieges wurden sie zum Heer ausgehoben und fast so rekrutiert wie die Soldaten.
Stadt und Staat, versuchten über die Jahre Gelder freizusetzen für öffentliche Arbeiten. Nach dem Jahresbericht des 46. pommerschen Provinziallandtags für 1917 erhielten die Stadt Greifswald 284.790 Mark und der Landkreis Greifswald 2.107.281 Mark für Chaussee- und Wegeprojekte.
Große Probleme bereitete die Aufrechterhaltung der Kriegsindustrie und der Landwirtschaft infolge der Einberufung der Männer zum Militär. Deutsche Unternehmen griffen auf die Beschäftigung von Kriegsgefangenen zurück, unter denen viele qualifizierte Arbeitskräfte waren: Ende 1916 arbeiteten über 330.000 Kriegsgefangene in der deutschen Industrie, weitere 735.000 in der Landwirtschaft.
In Greifswald wurden sporadisch russische Kriegsgefangene in kleineren Betrieben eingesetzt, so auch zu schweren körperlichen Arbeiten im Gaswerk. Nach der Einwohnerzählung vom 8. Oktober 1991 waren noch 15 russische Kriegsgefangene anwesend.
Weiterhin beschäftigte der deutsche Staat eine nicht unerhebliche Zahl von Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen aus Belgien, die Deportation seit November 1916 rief internationale Entrüstung hervor. Ebenfalls im Jahr 1916 zwang Deutschland französische Frauen und Mädchen innerhalb der besetzten Territorien zu Arbeitsleistungen. Ebenso wurden Arbeitskräfte aus dem besetzten Polen angeworben oder auch beordert (Arbeitslose). So erhielten im Kreis Greifswald einige landwirtschaftliche Güter seit 1916.
Der Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft blieb ein Hauptproblem für die Ernährung der Bevölkerung über die Kriegszeit hinweg. Außer durch die Einberufungen bereitete die Abwanderung von landwirtschaftlichen Arbeitern in die Industrie Sorge. Ständig mussten zur Saison Ersatz-Arbeitskräfte organisiert werden bis hin zu Schülern, um die lebenswichtige Ernte einzubringen. Die Hauptlast und das Leid trugen die polnischen Schnitter. Entgegen der Gesetzgebung in der Vorkriegszeit wurden in Pommern über 30.000 Wanderarbeiter faktisch zu Zivilgefangenen degradiert und durften ihre Heimat nicht Wiedersehen.
Die Universität musste viele ihrer Studenten als Freiwillige und langjährige Dozenten in den Krieg ziehen lassen und der wissenschaftliche Lehrbetrieb ließ sich nur notdürftig aufrechterhalten. Bis zum Ende des Wintersemesters 1914/15 verzeichnete die Alma Mater 59 Gefallene unter der Studentenschaft. Das Greifswalder Studentenleben, in Friedenszeiten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, verwaiste zusehends. Noch vor Ende des Krieges setzte die Universität ein Zeichen für den Erhalt der Wissenschaft und für „eine Zeit nach dem Krieg.“ Am 27. Juli 1918 tagte die erste Hauptversammlung der neu gegründeten „Gesellschaft von Förderern und Freunden der Universität“.
Am 9. Februar 1919 betrauerte die Universität ihre Gefallenen auf einer Gedenkfeier für die heimgekehrten Kriegsteilnehmer: 1 Professor, 3 Privatdozenten und Dozenten, 3 Beamte und 182 Kommilitonen. Und Ende 1919 wurden noch immer Studenten aus der Kriegsgefangenenschaft erwartet.
Die Bewältigung des Alltags gestaltete sich für alle sozialen Schichten immer schwieriger. Zweifellos entwickelte sich die wirtschaftliche Lage für viele Kriegerfrauen und Familien, vom Arbeiter bis zum Beamten, durch die Verteuerungen der Waren kritisch. Andere Menschen wiederum verdienten in der Kriegsindustrie oder durch staatliche Zulagen besser als in Friedenszeiten.

… unsere Friedensein- und Ausfuhr ist, im Wesentlichen, aufgehoben, daher leben wir alle anders als im Frieden; ein Teil des deutschen Volkes lebt besser, dank seiner Kriegslöhne, Kriegsgehälter, Kriegshilfen und Kriegsgewinne: ein Teil lebt noch ausreichend; ein Teil lebt schlechter. Diese Abstufungen sind nicht auf bestimmte Schichten beschränkt, sie finden sich in allen Ständen, Schichten und Berufen. Die durch den Krieg besser Gestellten, die Leichtlebigeren und Leichtsinnigen füllen Theater, Kinos und Konzerte, Konditoreien und Kaffees …

Jedoch nicht unbedingt der Geldbeutel wurde zum Problem, sondern die Tatsache, dass es immer weniger Produkte zu kaufen gab. In kurzen Zeitabständen, je nach Stand der möglichen Lebensmittelversorgung im Reich, schrieben Bundesrat ab 1915 und ab 1916 das Kriegsernährungsamt den Maximalverbrauch für Lebensmittel pro Tag oder Woche vor.
Ab Ende Januar 1915 durften die Bäckereien durch die Bundesratsverordnungen nur noch K-Brot (Kriegsbrot mit Kartoffelanteil) backen und anbieten. Den Bäckern war deutschlandweit nächtliches Arbeitsverbot ausgesprochen, so dass die Kunden am frühen Morgen kein frisches Brot und keine frischen Brötchen mehr erhielten, um an den Getreide- und Mehlvorräten zu sparen. Am 11. Februar 1915 hielten die Greifswalder erstmals Brotkarten in der Hand. Bis Februar 1917 gab der Magistrat 3.178.500 Brotkarten aus. Ab 1916 folgten Karten und Kundenlisten für Eier, Kartoffeln, Fleisch, Milch (ab 1. November), Seife, ab 1917 auch für Butter.
Aus den Jahresberichten des städtischen Schlachthofs lässt sich die prekäre Situation der Fleischversorgung ablesen. 1915 gab der Bericht 16.000 Schlachtungen an, 1916 wurden 7.126 und 1917 6.800 Tiere geschlachtet. Dagegen stieg die Zahl der Pferdeschlachtungen im Zeitraum 1915-1917 von 120 auf 328 an.
Mit fleischlosen Tagen musste sich die Hausfrau in den Kriegszeiten seit Ende 1915 immer wieder mal begnügen und den Küchenzettel neu schreiben, vom 1. August bis zum 31. Oktober 1918 sogar mit 4 fleischlosen Wochen auskommen. 250 g Mehl oder 1500 g Kartoffeln sollten dann die fehlende Wochenration an Fleisch pro Kopf von 250 g ersetzen.
Die sozialen Pflichten der Kommunen erweiterten sich ständig, die Herbst-, Winter-, und Frühjahrsversorgungen zeigten besondere Probleme. Teure Preise und Lebensmittelknappheit führten im Herbst 1915 erstmals zur Einrichtung einer Massenspeisung, die die „Herberge zur Heimat“ übernahm. Bereits im ersten Monat (November) wurden täglich 100 Essen abgegeben, nach einem Jahr waren es 74.926 Mittagsportionen, davon 8.000 Essen unentgeltlich an Kriegerfamilien gegen Freikarten. Sommer 1916 eröffnete eine zweite Volksküche in einem nicht mehr benutzten Schulhaus in der Gützkowerstraße. Eine Teilnahme an der Massenspeisung führte wiederum zum Verlust der Lebensmittelkartenabschnitte, um eine doppelte Versorgung auszuschließen, wofür von der Stadt „teilbare“ Lebensmittelkarten ausgegeben wurden. Die Volks- bzw. Kriegsküchen kochten bis Ende 1919 über 600.000 Mittagsessen, davon 325.000 für Erwachsene zum Preis von 30 Pfennig, 75.000 für Kranke und 200.000 für Kinder unentgeltlich. Die Massenspeisung blieb auch 1919/1920 unentbehrlich. Auf der Sitzung der Bürgervertretung vom 27. Oktober 1919 bewilligte das Bürgerschaftliche Kollegium für die Unterstützung der Speisung erneut 15.000 Mark.
Auch nach dem Krieg verbesserte sich die Ernährungslage kaum. Am Montag, den 3. August 1919, erwarteten die Greifswalder Bürger die 233. Brotkartenwoche seit 1915, die 175. Speisefettkartenwoche, die 175 Kartoffelkartenwoche und die 160. Fleischkartenwoche. Am 5. August 1919 endete die Zwangsbewirtschaftung der Fische.
Bis Herbst 1917 gelangten etwa 10000 Ersatzmittel auf den deutschen Markt, davon rund 7000 in der Lebensmittelbranche und viele Produkte mit neuen Namen hielten nicht, was sie versprachen.
Durch die Einführung des „Kriegssozialismus“ in vielen Ernährungsbereichen sowie mit dem Stadtkreis-Status Greifswalds lag die Beschaffung der genehmigten und rationierten Nahrungsmittel in der Verantwortung der Stadtverwaltung, der Kommissionen für die Ernährung, und der Abgeordneten. 1918 zählte das Bürgerschaftliche Kollegium 36 Mitglieder und über die Kriegsjahre, traf man durch die Ausschaltung der „Politik aus dem Rathaus“ die einzig richtige Entscheidung.
Als eigener Stadtkreis musste Greifswald etwa 20.000 Einwohner mit Grundnahrungsmitteln versorgen, außer den etwa 5000 Selbstversorgern (Ackerbürger mit Familien). Für Getreide und Kartoffeln, auch für Gemüse, konnte der Magistrat Lieferungsverträge mit dem Umland abschließen. Andere Lebens- und Genussmittel, wie Salz, Kaffee, Honig, Obst und Zucker, oder Waren des täglichen Bedarfs, wurden der Gemeinde von den Reichsstellen nach bestimmten Kriterien, wie Bevölkerungszahl, Anzahl der Schwerarbeiter usw., zugewiesen. Mit den spärlich überwiesenen Waren musste die Stadt zweckmäßig wirtschaften, sie an die über 80 Kaufleute verteilen, auch im Bewusstsein darüber, dass damit nicht die gesamte Bürgerschaft versorgt werden kann. Der Magistrat arbeitete nur noch als ausführende Instanz einer höheren Behörde. Da Greifswald ohne große Industrie (ohne Schwerarbeiter) war, schnitt die Boddenstadt in der alltäglichen Versorgung mitunter schlechter ab als Stettin, Düsseldorf oder Berlin.

Als 1917 für die massenhafte Munitionsproduktion das Rohmaterial fehlte, forcierte das Kriegsministerium die Beschlagnahme und Enteignung von Metall. Tausende alte Bronzeglocken in den Kirchtürmen, Zinnpfeifen aus den Orgeln in den Hallen sowie bronzene und kupferne Metalldenkmäler von öffentlichen Straßen und Plätzen verschlang der Krieg. Bis zum 1. Juli 1917 hatte die Hofglockengießerei Franz Schilling und Söhne in Apolda ungefähr 70.000 Kirchenglocken zur Beschaffung von Munitionsstoffen „abzurüsten“.
Die Greifswalder St. Nikolai-Kirche verlor vier Glocken: Nikolausglocke, gegossen 1568, umgegossen 1863; Rufglocke (1586/1863) und die Oktavenglocke, umgegossen 1863 sowie die kleinere Schlagglocke aus dem Glockenturm. (Erhalten blieben: Bet- und Professorenglocke 1440, Kindtaufglocke 1615 und die Stundenglocke aus dem ehemaligen Franziskanerkloster). Am 23. Oktober 1917 von 19 bis 20 Uhr läuteten die vertrauten Glocken zum Abschied.
Die größte Glocke erwies sich für den Abtransport vom höchsten Turm der Stadt zu sperrig und musste gleich oben zerschlagen werden. September 1918 wurde ein Geläut durch eine neue gusseiserne Glocke mit einem Gewicht von 164 kg wieder möglich, an den ungewohnten Klang mussten sich die Menschen erst gewöhnen. (996)
Von den vier Glocken der Jakobi-Kirche fielen drei unter die Beschlagnahme, während St. Marien alle Glocken aus kunsthistorisch wertvollen Gründen behalten konnte.
Am 17. Mai 1917 erklang in St. Nikolai das letzte Orgelkonzert, danach wurden die Zinnpfeifen ausgebaut. Wenige Tage darauf ereilte das gleiche Schicksal die Orgel von St. Marien.
Wenigstens konnten durch die Gutachten der eingesetzten Denkmäler-Kommission, mit Dr. Lemke aus Stettin, Prof. Schultze aus Greifswald und Prof. Jenensch aus Berlin, das Paepke-Denkmal und das Kaiser-Wilhelm-Standbild vor dem Einschmelzen gerettet werden. Letzteres natürlich aus zutiefst patriotischen Gründen. 1918 wurde für Greifswald und Umgebung der königliche Musikdirektor Rudolf Ewald Zingel als Gutachter für die Metallbeschlagnahme bestellt.

Bis zum bitteren Ende!

Das „42ger Regiment“ wurde November 1914 von der Westfront, wo sich auf französischer, blutiger Erde die kämpfende Welt traf und der Krieg bald im Graben- und Stellungskrieg erstarrte, an die Ostfront verlegt. Dort kämpften die Soldaten bis 1916 im mittleren Frontabschnitt. Herbst 1916 verlegte die OHL das Regiment nach Mazedonien, wo es an der Seite der bulgarischen Armee an mehreren Schlachten teilnahm. Im Juni 1917 erfolgte die Umsetzung an die rumänische Front (9. Armee). Anfang April 1918 wurde das Regiment wieder in Frankreich (216. Infanterie-Division) eingesetzt.
Der 8. August 1918 war der schwarze Tag des deutschen Heeres in der Geschichte des Krieges (Ludendorff). Um 4.20 Uhr griffen an der Somme 441.588 Franzosen und Engländer an, zwischen Ancre und Avre drangen sie in die Stellungen von sechs kampfstarken deutschen Divisionen ein. Zwei Tage später gestand Ludendorff dem Kaiser in Spa die Niederlage.

Wilhelm II.:
Ich sehe ein, wir müssen die Bilanz ziehen, wir sind an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit.

Auf der Sitzung vom 12. und 13. August in Spa wurde der Reichsregierung die Unmöglichkeit eines militärischen Sieges über die Entente mitgeteilt (nach Ludendorff).

Die Öffentlichkeit in Pommern erfuhr in diesen Monaten von der kritischen Lage an der Westfront nur wenig, die Zeitungen schilderten immer noch ein geschöntes Bild der militärischen Lage, treu den Heeresberichten der OHL. Doch aus den Verlustlisten und den „vermehrten“ Todesanzeigen des Jahres 1918, wusste wohl jeder, wie es um das Heer stand.
Und immer wieder betraf es junges Blut, so den jungen adligen und Leutnant Dietrich von Roëll aus Nonnendorf (Kirchspiel Wusterhausen) im Infanterie-Regiment Nr. 58 im Alter von 17 Jahren.
Im April 1918 schätzte die Kirchgemeinde St. Jakobi die Anzahl ihrer gefallenen Mitglieder auf 60 ein und hielt für sie eine Gedächtnisfeier ab.
Kriegspropaganda und „große Lügen“ nahmen kein Ende. In der Stadt sowie im Landkreis fanden weiterhin wie seit 1917 im Auftrag des Stellvertretenden Generalkommandos „Aufklärungsveranstaltungen“ mit Vorträgen, Lichtbildern durch Seminarlehrer Beykuffer, Lehrer Christian Schulz, Oberst von Hackewitz oder Rentier Schühmann, u. a. statt, um alle Kräfte für das Kriegsziel, Siegfrieden, zu mobilisieren. Die Menschen wurden bis zum bitteren Ende zum Durchhalten aufgefordert.

Am 11. November unterschrieb die deutsche Delegation die Kapitulation und das Militär trat den geordneten Rückzug (Demobilisierung) an. Vom Norden her war mit dem Kieler Matrosenaufstand die Revolution in Deutschland eingezogen und die gebildeten Arbeiter- und Soldatenräte errangen Machtbefugnisse in der Zivilgesellschaft und beim Militär.

Hindenburg sandte am 4. Dezember an die Stellvertretenden Generalkommandos ein Telegramm, worin er darauf hinwies, Konflikte mit den Arbeiter- und Soldatenräten zu vermeiden. Rote Fahnen und Abzeichen sollten vom Militär nicht beanstandet werden und von den Arbeiter- und Soldatenräten wurde hinsichtlich der Fahnen, Auszeichnungen und Rangabzeichen des Militärs gleiches erwartet.

Der erste „Allgemeine Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands“ verabschiedete am 16. Dezember 1918 eine Resolution mit der Forderung nach völliger Neuordnung des Militärs. Hindenburgs Entlassung wurde gefordert und die preußischen Kadettenschulen sollten abgeschafft werden. Soldaten und Offiziere sollten ihre Rangabzeichen, Ehrenzeichen und Orden ablegen.

Bei den 42gern löste der Rätebeschluss, insbesondere die Ablegung der Ehrenzeichen, große Empörung aus und sie meldeten sich am 20. Dezember 1918 letztmalig zu Wort:

Gegen den Beschluss des Arbeiter- und Soldatenrates in Berlin, die Grad- und Ehrenabzeichen abzulegen, erheben die unterzeichneten Vertrauensräte und anderen Anwesenden im Namen des Regiments flammenden Protest. Eine derartige Herabwürdigung der Taten des Regiments und jedes einzelnen im Regiment als Dank für den vierjährigen Schutz der Heimat zeigt, wie notwendig die sofortige Einberufung der Nationalversammlung ist, um solchen lächerlichen Treiben ein Ende zu machen. Deutschland braucht an seiner Spitze Männer und keine Kinder! Das Regiment ist und wird auch in Zukunft stolz auf den deutschen Ehrenschmuck, das „Kreuz von Eisen“, sein. Die Grad- und Ehrenabzeichen legt das Regiment nicht ab.

In diesen letzten Kriegstagen schrieben die Fischer von Greifswald-Wiek einen anonymen Drohbrief an den Bürgermeister zu Greifswald:

Wir älteren Männer, die teilweise Söhne und Anverwandte draußen verloren, für uns ist heute das zu erleben, unser Stolz ruht in fremder Erde, wir sind heute zu allem fähig. Sprengstoff steht uns genügend zur Verfügung, wir warten nur den passenden Augenblick ab, dann sind wir bereit Rache für alles Erlittene zu üben. Diesen Winter passiert noch etwas. Verein schwarze Zukunft.

Nachtrag

Anfang Oktober 1918 erreichte Greifswald die europäische Grippewelle mit ersten Todesfällen. Die Post konnte ihren Betrieb kaum noch aufrechterhalten. Am 9. Oktober übertraf die Zahl der Erkrankungen schon letzte die Influenza-Epidemie von 1892. Die Allgemeine Ortskrankenkasse meldete für den Stadtkreis Greifswald in der Zeit vom 1. bis 19. Oktober unter 285 Krankschreibungen, 232 Grippefälle und 15 mit tödlichem Ausgang.
Bis Ende Januar 1919 brachten Greifswalder Frauen 196 Pfund und 50 g Haar auf die Waage. Daraus hatte die Kriegsindustrie Ersatz für Ledertreibriemen und Filzplatten sowie Dichtungen für U-Boote und Kriegsschiffe hergestellt. Der Erlös (pro kg Haar 14 Mark) kam dem Roten Kreuz zugute.
Im Monat Juli 1919 meldete das Standesamt unter den Sterbefällen noch 5 Kriegsteilnehmer.
Am Montag, den 3. August 1919, erwarteten die Greifswalder Bürger die 233. Brotkartenwoche, und die 175. Speisefettkartenwoche, die 175 Kartoffelkartenwoche und die 160. Fleischkartenwoche.
Am 5. August 1919 endete die Zwangsbewirtschaftung der Fische.

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